In welchen Bereichen sollten Unternehmen mutiger sein?

Axel Straschil ist Experte im Bereich Business Agility. Sein Leitspruch ist: Alles was funktioniert wurde irgendwann mal ausprobiert!


Lieber Axel, da steckt ganz viel Mut für Unternehmer drinnen. Was würdest du den Unternehmen in der jetzigen Zeit raten, in welchen Bereichen sollten sie denn mutiger sein?


Spontan ist mir ein Satz eingefallen, den ich oft in den USA gehört habe, der aus meiner Sicht auf Deutschland und Österreich gleichermaßen zutrifft. Die Amerikaner reden ganz gern von der "German Angst", die deutsche Angst. Wie gesagt, ich erlebe das in Österreich genauso, ich denke wir sind ein gleicher Kulturraum.


Wir in Deutschland und Österreicher sind großgeworden, sind stark geworden, auch international, mit dieser Marke "Made in Germany". Das bürgt für Qualität, das hält ewig! Wenn ich ein Auto habe, eine Maschine, irgendetwas das "Made in Germany" ist, kann mich darauf verlassen, das ist perfekt. Das ist perfekt, da ist eine Ingenieurleistung dahinter, das wurde jahrelang im voraus geplant, dann wurde es jahrelang perfektioniert und jetzt läuft es ganz einfach.


Jetzt leben wir gerade hier in dieser VUCA Welt, in dieser Welt der komplexen Problemstellungen, wo alles ein bisschen kleinschneidiger ist, wo alles ein bisschen kurzfristiger ist, und jetzt gerade immer wieder dieses leidige Thema der Covid-19 Krise, wo auch einfach Dinge, die ich auf zwei-drei Jahre geplant habe, einfach nicht mehr funktionieren.


Ich lade immer dort die Leute ein, mal einfach den Mut zu haben weniger zu machen, einfach mal mutig zu sein und sagen:


"Okay ich denke mal nicht, was könnte ich alles machen, was könnte ich alles tun, sondern wirklich nur zu denken was kann ich alles NICHT tun, um in vier Wochen, in sechs Wochen was herzuzeigen!"


Nicht die Angst zu haben, naja es wird vielleicht nicht wertgeschätzt, dann macht vielleicht wer andere das besser, sondern sich einfach mal zu freuen wenn ich ganz wenig gemacht habe und mein Gegenüber sagt:


"Schön dass ich es jetzt schon bekomme, weil jetzt wo ich es sehe kann ich mir mehr darunter vorstellen und kann dir Feedback geben, was das meiner Sicht noch zielführender wäre oder kann dir Feedback geben, was ich eigentlich möchte!"


Ich denke man braucht Mut, einfach mal weniger zu tun!


Ingenieursleistung ist ja immer noch hoch angesehen und wird immer noch belohnt. Als Ingenieur kann ich sagen: "Ich habe ein grobes Bild, wo das Ganze hingehen soll, aber ich versuche das jetzt nicht nur technisch zu verproben, ich versuche auch die Akzeptanz am Markt zu verproben."


Impuls Thomas: Ich glaube, das ist schon ein wesentlicher Punkt. Nachdem ja Technik nur aufgrund der vielen Details funktioniert. Wenn die Details in der Technik nicht funktionieren würden, würden unsere ganzen Geräte nicht funktionieren. Ich denke, dass die Präzision oder die Frage: Was kann ich weglassen? auf eine höhere Ebene zu stellen ist, nämlich auf die Ebene der Spezifikationen schon von Beginn an. Was braucht der Kunde wirklich? Welche Funktionalitäten werden wirklich gebraucht? Ich kann mich erinnern, ich war bei Siemens, viele Jahre, und durch intensive Rückfrage bei Kunden konnten wir 3/4 der Spezifikationen streichen, weil die waren einfach historisch bedingt. Vielleicht ist das auch etwas, dem du begegnest? Das einfach Spezifikationen und Anforderungen an Produkte eine lange Historie mit sich tragen und daher unnötig umfangreich sind? Erlebst du das auch oder ist das mittlerweile schon Vergangenheit?


Auf jeden Fall das erlebe ich stetig. Immer dann, wenn Hardware im Spiel ist, damit meine ich jetzt nicht Computer Hardware sondern allgemein Hardware. Turbinenbau, der Bau von einem Atomkraftwerk oder auch von hoch komplexen medizinischen Untersuchungsgeräten. Klar, die kann ich jetzt nicht so kleinschneiden, dass ich sage ich mache mal einen Prototypen, den ich mal in vier Wochen zum Kunden schicke. Da heißt dann vielleicht kleinschneiden, ich denke nicht in vier Jahren, sondern ich denke vielleicht nur mal in zwei Jahren oder in einem Jahreszyklus, das ist auch schon kleinschneiden.


Aus meiner Sicht ist es aber vor allem die Frage: Wie gehe ich im Kopf an die Sache heran?

Sage ich: "Das was in der Vergangenheit funktioniert hat wird genauso immer noch funktionieren!" oder versuche ich einfach mal, von der Seite zu denken und wirklich mal zu versuchen, nicht das Bestehende kleinzuschneiden sondern das Bestehende mal ganz wegzulassen um vielleicht zuerst mal mit den Kunden zu sprechen.


Ich kann mich daran erinnern, ich glaube das war ein Projekt von Siemens, wo die so eine Art Röntgenautomaten entworfen haben für Staaten, die nicht sehr viel Budget hatten, für ärmere Statten, wo die Leute einfach die Geräte selber über den Körper hinweg gezogen haben. Man hätte sich das am Anfang nie gedacht, da wäre kein Mensch darauf gekommen. Man ist dorthin gefahren und hat geschaut was geht, was dort möglich ist, was machbar ist , was nicht machbar ist.


Ich glaube, es ist sehr viele Einstellungssache. Ganz klar gibt es gewisse Artefakte, gewisse Planungsartefakte, gewisse Planungsprozesse die in der Vergangenheit sehr erfolgreich funktioniert haben. Aber es geht darum wirklich den Mut zu haben, und mal im Sinne von einem Zero-Based-Budgeting all das mal wegzulassen und ganz von vorne zu denken.


Die Feature-Cycle-Time bedeutet, wir haben eine Idee für das technische Produkt. Wie lange dauert es, bis es wirklich beim Kunden vor Ort verprobt ist oder vor Ort in Produktion ist? Ich denke hier kann uns Agilität sehr stark helfen. Ziel ist es, diese Feature-Cycle-Time bis zur Auslieferung zu reduzieren, zu vierteln oder auf 10 Prozent runter zu bekommen. Die Erfahrung zeigt dass die erkennenden Zeittreiber oft Randthemen sind, wie zum Beispiel Produktfreigabeprozesse oder Budgetierungsprozess. Sobald ich das erkenne kann ich auf einmal drei Monate einsparen, die dann oft mit der Entwicklung des Produktes gar nichts zu tun haben.


Ein Tipp aus der agilen Welt: Ich beginne das ganze zu planen mit Prototypen oder Dummies, um wirklich schon mal den gesamten Prozess bis zum Endkunden durchzuspielen. Da gibt es ganz tolle Beispiele auch aus dem Hardware Ingenieursbereich, wo ich sage ich mache mal wirklich am Anfang nur bemalte Papierschachteln und spiele den gesamten Auslieferungsprozess durch. Ich habe meine Key-Kunden, die ich mit ins Boot holen, und dort schon mal vorher Feedback einhole.


Gerade im Industriebereich wird die Kennzahl Time-to-Market immer wichtiger. Es kann ja auch mal wirklich eine Idee sein zu sagen: Wir konzentrieren uns gar nicht auf das Produkt zuerst, sondern zuerst gehen wir mal die gesamte Valuestreamkette durch, bis Auslieferung zum Kunden und wie bekommen wir das Feedback?"


Wir sagen ganz gern auch "Architectural runway" dazu in der agilen Welt. Daraus habe ich schon viel gelernt und viel vom Kunden gelernt. Wenn ich das Wissen habe, dann kann ich auch sagen, jetzt habe ich eine Idee wie ich auch im Industriebereich auf dieser Lieferkette etwas ganz klein verproben kann.


Hier aus meiner Sicht wichtig:

End-to-End denken! Von der Idee bis zum Kunden und wieder zurück!

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